Wenn man ein Haifischherz braucht, um zu überleben

Ich bin einfach nur ein Mädchen mit einem Haifischherz. (Das Mädchen mit dem Haifischherz, S. 330)

Wenn man in einem Umfeld lebt und aufwächst wie Anais Hendricks, braucht man ein Haifischherz um zu überleben. Weder Mutter, noch Vater hat sie je kennengelernt. Das Mädchen wandert von Pflegefamilie zu Pflegefamilie, von Kick zu Kick, Problem zu Problem. Um es anders auszudrücken: Totalabsturz.
Dass Anais in jeder Situation eine harte Nuss bleibt und sich immer durchboxt, ist bewundernswert, ebenso wie es bedauernswert ist. Es ist schrecklich zu sehen, wo sie sich befindet. Und noch schlimmer ist zu wissen, dass Anais kein Einzelfall ist, war, oder sein wird.

Die Autorin hat eine unglaubliche Menge an Problemen in diese Geschichte gesteckt. Drogen- und Alkoholsucht, Prostitution, Vergewaltigung, Mord, kurz - alles was diese Palette zu bieten hat. Das beeindruckende daran ist jedoch, wie Fagan alles realistisch und keineswegs übertrieben umgesetzt hat. Ohne Zweifel ist der Roman "krass", schockierend. Die Sprache ist teilweise sehr anstößig und ebenso obszön. Meiner Meinung dadurch ebenfalls sehr authentisch gehalten.
Überhaupt bleibt die Realität alles andere als auf der Strecke. Jenni Fagan hat Anais eine scharfe und ehrliche Stimme gegeben, die hier schreit: Hier sind wir! Außenseiter der Gesellschaft, werdet verdammt nochmal auf uns aufmerksam, wir sind auch nur Menschen! Sehr oft befindet sich Anais auf irgendwelchen Trips, weiß nicht mehr Wirklichkeit von Phantasie zu unterscheiden. Die Folgen ihrer Drogensucht, unter anderem Paranoia, werden immer wieder nur zu gut sichtbar. Wieso dann weiter kiffen? Gedanken, Gedanken, Gedanken.
Naja, so einfach ist das nicht mit dem aufhören, wenn man mal angefangen hat. Anais zeigt das nur zu deutlich. Es ist ein ewiger Teufelskreislauf, in dessen Strudel sie wieder und wieder gesogen wird. Und doch wird man ihrer einfachen Menschlichkeit nicht vorenthalten. Es sind die kleinen Dinge, in denen man sich selbst wiedererkennt, wie ihre Wünsche und Träume, an denen es ihr mit Sicherheit nicht mangelt.
Wenn ich in Paris leben würde, säße ich in Cafés am Fluss, würde kolorierte Zigaretten rauchen und niemals sprechen. Oder nur ganz selten jedenfalls - ich wäre mysteriös. (Das Mädchen mit dem Haifischherz, S. 96)  
Anais lässt sich oberflächlich in die Schublade der gesellschaftlichen Außenseiter stecken. "Das Mädchen mit dem Haifischherz" setzt sich demzufolge nicht nur mit  Komplikationen auseinander, sonder auch mit Vorurteilen gegenüber diesen Menschen. Vorschnell stempelt man gerne jemanden als "Assi" ab, als völlig verkorkst, oder gestört. Ihre Abhängigkeit und oft mehr schlecht als rechtes Verhalten sind alles andere als lobenswert, aber Fagan knallt uns das, was einen Menschen wirklich ausmacht, sehr einfühlsam vor den Kopf.
"[...] Möchtest du dazu etwas sagen?"
Ja. Ja, das will ich. Und zwar das: Hier kommt, wovon du keine Ahnung hast - ich würde sterben für jemanden, den ich liebe; ich würde jeden fertigmachen, der ein Kind missbraucht, oder einen älteren Menschen verarscht. Manchmal deale ich oder schlage Sachen kaputt oder prügle mich, aber ich bin ehrlich wie niemand, und das wirst du nie kapieren.
(Das Mädchen mit dem Haifischherz, S. 182)
Schlussendlich kann ich dieses Buch nur allen ans Herz legen. Die Sprache ist zwar mehr als nur Geschmackssache und man wird schonungslos mit der Wirklichkeit konfrontiert. Aber genau das ist das Großartige und Besondere an diesem Buch.
Die Realität überzeugt mich einfach nicht so ganz und Punkt (Das Mädchen mit dem Haifischherz, S. 108)
Dies ist ein ins Deutsche übersetzte Hardcover. "Das Mädchen mit dem Haifischherz wurde von der talentierten Jenni Fagan verfasst und im Kunstmann Verlag veröffentlicht. Freuen kann man sich dabei auf 320 Seiten. Erhältlich ist die schöne Ausgabe für 19.95€.

Vielen Dank für das Leseexemplar an Lovelybooks und den Kunstmann Verlag!

Kommentare:

  1. Hallo :-)
    Tolle Rezension! Der Schreibstil klingt richtig genial, als würde nicht viel drumherum geredet. Ich mag Bücher mit dieser Außenseiter-Thematik, vor allem, weil die Protagonisten solcher Bücher oft eine Nummer für sich sind. Das Buch muss ich mir merken.

    Liebe Grüße und noch ein schönes Wochenende! :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Also drumherum geredet wird wirklich nicht, allerdings werden wirklich, wirklich viele Kraftausdrücke verwendet, was sicherlich nicht jedermanns Sache ist. Ich kanns auf jeden Fall nur weiterempfehlen :D

      Löschen
  2. Tolle Rezension! :)
    Ich fand das Buch richtig gut und vor allem die Protagonistin ist mir total ans Herz gewachsen.

    Liebe Grüße,
    Jasi ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Mir tat Anais total leid, und ich mochte sie, auch wenn sie beizeiten keine allzu große Sympathieträgerin war. Mit ihrer kleinen 1920s Besessenheit, hat sie mich einfach für mich gewonnen :)

      Löschen
  3. Sehr interessante Rezi, die mir extreme Lust auf das Buch macht, obwohl ich jetzt schon viel Schlechtes gehört habe.

    Vielleicht lese ich es ja sogar noch diesen Monat :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich fänds toll, wenn es dir gefällt! Ich kann einerseits schon verstehen, wieso es vielen nicht gefällt. Andererseits ist Realität Realität und es macht keinen Sinn sie zu beschönigen, nur weil es uns an der Ausdrucksweise nicht ganz passt. Diese Meinungen finde ich dann eher ein bisschen undurchdacht.

      Löschen